My Zendo is my Castle

My home is my castle. So heißt ein englisches Sprichwort. Es bedeutet, dass ein Haus ein Ort der Zuflucht ist, ein sicherer Hort.

Im Verlauf meines fünftägigen Sesshin im Daishin Zen Kloster Buchenberg würde ich ein zweites Zuhause finden – ohne vier Wände aus Backstein und ohne Dach über dem Kopf. Bestehend lediglich aus einer Zabuton-Matte mit den Maßen 80 x 80 cm und einem Yoga-Kissen in der Mitte. Eine eigene kleine Welt, nur für mich, inmitten einer Gruppe Gleichgesinnter.

Nach einer kurzen Einführungsrunde werden wir mit den Worten …‘und nun ab in die Zendo!‘ entlassen. 20 Männer und Frauen im Alter von 20 bis 70 Jahren setzen sich in Bewegung. Diejenigen, die so etwas offensichtlich schon einmal an diesem Ort gemacht haben, schreiten zielstrebig durch das Kloster in Richtung des genannten Ortes. Andere – so wie ich – die weder wissen, was eine Zendo ist noch wo sie sich befindet, stapfen leicht verunsichert hinter den anderen her.

Beim Betreten der Zendo verbeugen sich die Erfahreneren, schreiten schnellen Schrittes durch den großen Raum, drehen sich im Uhrzeigersinn nach rechts, verbeugen sich erneut und gehen zügig zu ihrem Platz. Dort angekommen, drehen sie sich wiederum nach rechts, verbeugen sich ein drittes Mal und nehmen auf ihren Holzbänkchen Platz. Ich versuche, das möglichst professionell nachzuahmen. Auf meinem Bänkchen sitzend bekomme ich das erste Mal in diesen fünf Tagen die Krise. Ich werde unmöglich stundenlang auf diesem Ding hocken können. Schon nach zwei Minuten tun mir die Beine weh. Unser umsichtiger Lehrer scheint ein sehr empathischer Mensch zu sein. Er kommt auf mich zu und ersetzt mein Holzbänkchen durch ein hohes Yogakissen. Besser, viel besser. Ich bedanke mich, und dann beruhige ich mich. Langsam lasse ich den Blick durch die Zendo, unseren Meditationsraum, schweifen. Grün-graue Wände, ein riesiger Buddha zu meiner Linken. Liebevoll dekorierte japanische Blumengestecke. Auf dem Boden Tatami-Matten. Jeweils zwei Reihen mit Meditationsplätzen, die einander zugewandt sind. Alle Teilnehmer tragen dunkle, bequeme Kleidung.

Wir beginnen mit 25 Minuten Zazen, einer Meditation in Kraft und Stille. Aufrechter Sitz, das Becken leicht nach vorn gekippt, knie ich auf meinem Yogakissen ganz still und bewegungslos. Nach 25 Minuten beendet ein Gong die Meditation. Ich bleibe sitzen, regungslos. Die Sorge, nicht korrekt hinaus und wieder hineinzugehen oder den Beginn der nächsten Runde zu verpassen, ist noch zu groß. Nach fünf Minuten geht es weiter. Noch einmal 25 Minuten Zazen. Die Unterschenkel beginnen zu schmerzen, die Fußrücken tun mir weh. Ich schaffe es jedoch, mich noch einmal so lange nicht zu bewegen. In die Ruhe zu kommen, das gelingt mir nicht. Zu sehr bin ich noch mit dem Außen beschäftigt und auch mit meinen schmerzenden Gelenken. Nach dem Zazen wird zum Kinshin gerufen. Wieder verstehe ich nur Bahnhof und folge den Erfahrenen. Zügiges schnelles Schreiten hinaus aus der Zendo, Schuhe und Jacke im Eiltempo anziehen und raus an die frische Luft. In einer Reihe aufstellen, und los geht es. Angeführt durch unseren Lehrer marschieren wir im Gleichklang schnellen Schrittes durch die wunderschöne Anlage. Ich fange an, das gleichförmige Schreiten zu genießen. Der Kopf wird erstmals von Gedanken befreit, die eingeschlafenen Beine freuen sich. Danach wieder in die Zendo für Zazen. Und dann das erste Abendessen. Vor dem Essen werden sehr viele Regeln erklärt. Corona bedingte Hygieneregeln ergänzen den Regelkanon. Wann wer zusammen mit wem wie schnell wohin geht, um sich eine Miso-Suppe geben zu lassen. Wann zu welchem Zeitpunkt das Essen für eine Anrede unterbrochen wird, wann eine Verbeugung erfolgt und so weiter. Das Abendessen verläuft schweigend. Es gibt keinen sozialen Druck für Small Talk. Herrlich! Ich konzentriere mich auf das sehr gute frische Essen, schmecke immer intensiver und kaue langsamer. Nach dem Essen meditieren wir erneut bis um 22 Uhr. Ich falle todmüde in mein Bett und schlafe sofort ein.

Am nächsten Tag klingelt mein Wecker um 4:15 Uhr. Aufstehen, Zähne putzen, duschen, anziehen. Beginn des Zazens um 5 Uhr. Ich bin noch nicht ganz wach und erfahre später, dass das ein Vorteil für das Praktizieren von Zazen ist. Am frühen Morgen werden wir noch nicht so stark von unseren Gedanken beherrscht und können leichter in die Stille kommen. Ich sitze auf meinem Yogakissen und frage mich, ob ich all das schaffe. Zuhause meditiere ich jeden Morgen 25 Minuten. Das ist viel weniger als das tägliche Programm im Kloster. Du kannst jederzeit abreisen, beruhige ich mich. Mach einfach bis zum Mittagessen weiter und schau mal, ob es geht. Das hilft. Der Tag vergeht, ich habe weniger Schmerzen. Irgendwie fällt mir alles viel leichter. Doch woran liegt das? Im Nachhinein erfahre ich, dass viele von uns bei ihrem ersten Retreat zunächst im Widerstand sind. Die vielen Regeln und Vorgaben und das ungewohnt lange Sitzen in einer nicht so vertrauten Sitzhaltung sind die Hauptgründe dafür. Als mir jedoch nach und nach der Sinn der Regeln klar wird, fällt mir alles viel leichter. Sie ordnen das Verhalten aller Teilnehmer, so dass sich jeder von uns inmitten dieser Klarheit auf den Weg in die Stille konzentrieren kann.

Am vierten Tag hat sich mein System bereits beruhigt. Kaum noch peitschende Gedanke und Gefühle. Ich lasse das nicht Bedeutende los und mache zum ersten Mal eine Erfahrung des Wesentlichen, der Stille. Es entsteht ein schönes Gefühl, in Harmonie und Einklang mit mir und den anderen Teilnehmern zu sein.

Ich weiß nicht, wer die anderen Teilnehmer in der Außenwelt sind. Welche Berufe, Kompetenzen und Interessen sie haben. Wir haben nicht miteinander gesprochen, bis auf wenige Ausnahmen. ‚Soll ich den Boden wischen oder machst Du das? Dann decke ich schon mal die Tische.‘ Ein kurzer Dialog bei der Klosterarbeit, für die jeder von uns eingeteilt wird.

Und gleichzeitig fühle ich mich mit den anderen sehr verbunden. Wir sind eine richtige Gemeinschaft geworden, ich fühle mich von der Gruppe gehalten und unterstützt.

Als ich das Daishin Zen Kloster Buchenberg nach fünf Tagen durch den Torbogen am Eingang verlasse, empfinde ich Klarheit. Ich werde den Zen Weg weiter gehen, jeden Tag mindestens 25 Minuten auf meinem Yogakissen sitzen. Wenn mein System sehr in Aufruhr ist, sogar 45 Minuten. Und ich werde die Werte des Daishin Zen in meinem Leben verankern und aus der damit verbundenen Haltung meinen Mitmenschen begegnen.