Die Fabel von der eierlegenden Wollmilchsau

Wir suchen:  die eierlegende Wollmilchsau (m/w/d). Dieser Eindruck entsteht zuweilen beim Lesen von Stellenzeigen auf Karriereportalen. Studienabschluss mit Bestnote, hervorragende Fach- und Sozialkompetenzen und mittlerweile auch soziales Engagement, um nur ein paar der Anforderungen zu nennen. Nehmen wir an, es existiert solch eine Person, die von einem Großkonzern erfolgreich angeworben wurde.

Doch wie geht es weiter? Ein kleiner Ausflug in die Welt der Fabeln gibt Aufschluss. Ein Bauer ergänzt seinen Viehbestand um eine eierlegende Wollmilchsau mit der Absicht, drei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Eier, Wolle und Milch, und das am besten gleichzeitig.

Zu Beginn läuft es hervorragend. Die Wollmilchsau produziert in der Tat dreimal so viel wie die anderen Tiere, die Rechnung des Landwirts scheint aufzugehen. Doch nach einiger Zeit beginnt sich das Blatt zu wenden. Das Fell der Wollmilchsau wird stumpf. Ihre Milch schmeckt sauer, sie legt immer weniger und irgendwann gar keine Eier mehr. Sie wird so krank, dass sie nicht mehr aufstehen kann und lethargisch auf dem Boden des Stalls liegt. Ihr Fleisch kann er leider auch nicht mehr verkaufen, die eierlegende Wollmilchsau besteht nur noch aus Haut und Knochen. Am Ende muss der Bauer sie erschießen.

Der Landwirt kannte sich mit der Haltung der anderen Tiere gut aus. Aber er wusste nicht, wie man eierlegende Wollmilchsäue hegt und pflegt. Er dachte, er könne das Tier dauerhaft zur Massenproduktion bewegen und erschöpfte dadurch ihre Ressourcen. Der Bauer beging einen zweiten gravierenden Fehler, indem er ihr nicht das richtige Futter gab. Und drittens hat eine eierlegende Wollmilchsau Anteile eines Huhnes, einer Kuh und eines Schweins und möchte mit den Hühnern auf dem Hof herumflattern, mit anderen Kühen grasend auf der Weide stehen und sich außerdem mit anderen Schweinen wohlig im Schlamm wälzen. Stattdessen stand das exotische Tier dauerhaft separiert von den anderen Tieren in einem engen Stall mit Steinboden.

Verlassen wir nun die Welt der Fabeln und wenden uns wieder dem realen Berufsleben zu. Sicherlich ist eine solche Entwicklung nicht im Interesse des Arbeitgebers, möchte er oder sie doch die Top Talente nicht nur für sich gewinnen, sondern sie auch halten. Doch wie schaffen es Arbeitgeber, ihre eierlegenden Wollmilchsäue artgerecht zu hegen und zu pflegen?

Kommen wir zum ersten Fehler des Bauern, dem Raubbau an den Ressourcen des exotischen Tiers. Damit das Management des Unternehmens nicht denselben Fehler begeht, braucht es insbesondere Achtsamkeit. Dies ist ein Zustand von Geistesgegenwart, in dem Vorgesetzte hellwach die gegenwärtige Verfasstheit ihrer direkten Umwelt, insbesondere der Mitarbeiter, wahrnehmen und angemessen darauf reagieren.

Outperformer verfügen meistens über Glaubenssätze wie ‚Ich muss die Erwartungen aller Menschen erfüllen‘ oder ‚Ich muss perfekt sein‘. Diese Glaubenssätze haben sich über das bisherige Leben der Talente als Verhaltensmuster ausgeprägt und treiben sie permanent zu Höchstleistungen an. Die Betroffenen schaffen es häufig nicht, sich selbst angemessene Grenzen zu setzen und betreiben somit Raubbau an ihrer körperlichen und seelischen Gesundheit.

Wenn also jemand bereits eine grüne bis gelbe Gesichtsfarbe und einen Tunnelblick hat, bis spät in die Nacht arbeitet und sehr reizbar und dünnhäutig ist, sollte eine gute Führungskraft dies den Mitarbeitern spiegeln. Unter bestimmten Umständen sollte die Führungskraft den Leistungsträgern die harte Grenze setzen, die diese Personen sich selbst noch nicht setzen können. Die Personen aus der akuten Belastungssituation herauszunehmen oder ihnen explizit Mehrarbeit über die acht Stunden pro Tag hinaus zu untersagen, sind adäquate Maßnahmen. Das ist nicht nur ein menschliches Gebot, sondern auch im Interesse des Unternehmens. Es gibt Menschen, die sich von einem Burnout nie mehr erholen, die arbeitsunfähig werden. Zumindest aber fallen sie oft für längere Zeit krankheitsbedingt aus und können in dieser Zeit dem Unternehmen nicht dienen.

Wir kommen zu Fehler Nummer zwei, der Verabreichung nicht artgerechten Futters. Auf die Unternehmenswelt übertragen, wäre Futter so etwas wie Information und Kommunikation, Klarheit und Transparenz, Bereichsübergreifende Zusammenarbeit, unternehmerisches Denken, usw. Was geschieht, wenn die Top Talente zum Beispiel nicht ausreichend mit Informationen versorgt werden? In unseren heutigen Wirtschaftssystemen läuft nichts ohne Informationen. Die Talente benötigen Informationen zu Unternehmenszielen und daraus abgeleiteten konkreten Anforderungen von Stakeholdern, zu strategischen Überlegungen, organisatorischen Änderungen und vielem mehr. Auf Basis dieses Inputs können sie wahre inhaltliche Meisterwerke erzeugen und mit hervorragenden Ergebnissen punkten. Fließen diese Informationen nicht, ist ein zielgerichtetes Arbeiten unter Berücksichtigung aller Rahmenbedingungen erschwert bis nicht möglich. Gute Mitarbeiter leiden darunter. Sie können ihre Bestleistung aufgrund der eingeschränkten Informationslage nicht abrufen. Sie liefern ein Arbeitsergebnis, das bei Präsentation schon wieder redundant geworden ist. Hat sich der Wind doch wieder gedreht, so dass das Thema verworfen wird. Das Gefühl, dauerhaft für die Tonne zu arbeiten, ist zermürbend und zahlt negativ auf die Motivation ein. Sinkt die Motivation auf null, so ziehen Top Talente weiter, um eine andere Company zu rocken.

Der Bauer unterschätzte drittens das soziale Bedürfnis der eierlegenden Wollmilchsau. Sie wollte im Rahmen ihrer dreigeteilten Identität Huhn, Kuh und Schwein zugleich sein. Welches soziale Umfeld braucht ein Top Talent in einem Großkonzern in Analogie? Es möchte sich mit den Werten des Unternehmens identifizieren können, sie sollen den eigenen zumindest weitestgehend entsprechen. Angenommen, eine sehr kompetente Mitarbeiterin setzt sich ehrenamtlich für die Rechte von Frauen ein. Im Rahmen einer Abbaurunde ziehen in großen Trecks in Teilzeit beschäftigte Mütter über das Firmengelände gen Arbeitsamt, unter ihnen auch einige allein Erziehende. Selbst wenn sie eine großzügige Abfindung erhalten, werden diese Mütter sich und die Kinder nicht lange finanziell über Wasser halten können. Integrität geht anders. Unternehmen sollten sich nicht Werte im sozialen Kontext auf die Fahne schreiben und sich gleichzeitig gegenteilig verhalten. Die Egomanen und Narzissten dieser Welt können vielleicht großzügig über so etwas hinwegsehen, nicht jedoch emotional und sozial kompetente Menschen. Wieso möchte man diesen Typ Mensch in die zumeist wenig soziale Unternehmenswelt integrieren, in der zuweilen der Sozialdarwinismus zu herrschen scheint? Vermutlich um die Kultur ein wenig sozialer zu machen. Damit sind jedoch die Menschen mit sozialer Ader hoffnungslos überfordert. Kongruenz sollte vom Management vorgelebt werden, und dann können die betreffenden Talente auf dieser Basis als Impulsgeber für eine sozialere Unternehmenskultur dienen.

Fazit: es ist sicherlich nicht leicht für ein Unternehmen, Top Talente für sich zu gewinnen. Noch schwieriger ist es jedoch, diese längerfristig an sich zu binden. Solange sich Unternehmen an den Bedürfnissen der eierlegenden Wollmilchsäue orientieren, tragen sie zu einer tragfähigen langfristigen Bindung mit dieser Spezies bei. Die Bedürfnisse aller anderen, die eventuell nicht ganz so anspruchsvoll sind, erfüllen sie dabei automatisch mit. Um diesem Anspruch wiederum gerecht werden zu können, braucht es mehr eierlegende Wollmilchsäue in den Top Etagen der Unternehmen dieser Welt.