Variationen von Wut

Die Vorbereitungen für den Urlaub laufen auf Hochtouren. Zwei Familienmitglieder laden ihre kabellosen High Tech-Kopfhörer und rüsten sich somit für die lange Autofahrt mit mir als Fahrerin. Nur mein Sohn nicht. Er freut sich über mein ausfälliges Geschimpfe bei der Fahrt in den Urlaub. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass er wieder ein paar neue Schimpfworte aufschnappen und damit bei seinen Mitschülern punkten kann.

Mit mir Auto zu fahren ist wirklich kein Vergnügen. Sobald der Wagen aus der Einfahrt gerollt ist, beginnt die Metamorphose zur Neandertalerin. Ich kämpfe um das Überleben meines Clans, vollkommen meinem Reptiliengehirn ausgeliefert.

Wir fahren los, und kurze Zeit darauf sind wir schon auf der Autobahn. Die Stimmung im Auto ist zunächst gut. Bis der kanariengelbe Sportflitzer hinter uns trotz des Tempolimits von 100 Kilometern gefährlich nah kommt und die Lichthupe betätigt. Die Neandertalerin in mir schwingt die Keule. Das Leben meiner Sippe ist in Gefahr. Angriff, Flucht oder  tot stellen? Ich entscheide mich für Flucht und wechsle auf die rechte Spur. Der Sportwagen zieht mit 150 Sachen links an uns vorbei.

Ich koche vor Wut und kann nicht mehr an mich halten. Wie wohl jemand, der so dumm sei, sich ein so teures Auto leisten könne? Ob die Frau auf dem Beifahrersitz wirklich auf das primitive Balzverhalten des narzisstischen Beifahrers hereinfalle? Und wo denn bitte die Polizei sei, um diesen groben Regelverstoß mit Führerscheinentzug zu sanktionieren.

Mein Sohn schläft bereits, die anderen setzen demonstrativ ihre Kopfhörer auf. Da offensichtlich kein Interesse an einer Nachbesprechung des soeben Erlebten besteht, beruhige ich mich und wende mich meiner Gedankenwelt zu. So richtig zufrieden bin ich mit meinem Verhalten nicht. Es geht mir auch nicht besser, nachdem ich mich fürchterlich aufgeregt habe. Vielleicht hält die Wissenschaft einen Rat für mich bereit.

Derzeit beschäftige ich mich passenderweise ohnehin mit der emotionsfokussierten Therapie. Sue Johnson und Leslie Greenberg gehören zu den Begründern dieses recht neuen Forschungsgebiets. Über die direkte Arbeit mit emotionalen Prozessen hat sie zum Ziel, dysfunktionales emotionales Erleben zu transformieren, adaptive Emotionen zu nutzen und die emotionale Intelligenz von Patienten zu verbessern.

Ein zentraler Gesichtspunkt in der emotionsfokussierten Therapie (EFT) ist die Unterscheidung zwischen primären und sekundären sowie adaptiven und maladaptiven Gefühlen. Primäre Gefühle kennzeichnen die unmittelbaren, spontanen Reaktionen auf eine Situation, wie zum Beispiel Trauer über einen Verlust. Sekundäre Gefühle sind Reaktionen auf unmittelbare Gefühle, sie überschatten die jeweiligen primären Gefühle oder schalten sie komplett aus. Zum Beispiel sekundäre depressive Hoffnungslosigkeit als Reaktion auf ein primäres Schamgefühl. Das sekundäre Gefühl meint es in diesem Kontext gut mit dem primären Gefühl. Die ursprünglich empfundene Scham ist so schwer auszuhalten, dass sich das sekundäre Gefühl der Hoffnungslosigkeit schützend davor geschoben hat.

Sekundäre Emotionen sind im allgemeinen maladaptiv, wohingegen primäre adaptiv oder maladaptiv sein können. Primäre adaptive Gefühle nützen der sie empfindenden Person, sie erfüllen deren Bedürfnisse und tragen zu ihrer Zielerreichung bei. Sie liefern entscheidende Informationen über Situationen und unterstützen das sie empfindende Individuum bei der Anwendung angemessener Lösungsstrategien. Primäre adaptive Wut beispielsweise schützt uns vor seelischen Verletzungen, indem sie den vermeintlichen Angreifer in die Schranken weist, ihm Grenzen aufzeigt. Primäre maladaptive Gefühle hingegen reflektieren als schmerzhafte Erfahrungen ungelöste Themen und unerfüllte Bedürfnisse der Vergangenheit. Sie mögen beim unmittelbaren Erleben in der Vergangenheit adaptiv gewesen sein, führen aber aktuell zu unangemessenem Verhalten. Ein Beispiel dafür ist ein Erwachsener, der als Kind von einem Elternteil missbraucht wurde und dessen primäre adaptive Reaktion Angst geprägt war. Ist das Verhalten dieser Person dem wohlwollenden Ehepartner gegenüber ebenfalls zwanzig Jahre später immer noch Angst basiert, ist das Gefühl der aktuellen Situation nicht angemessen und kann der Beziehung schaden.

Der therapeutische Weg bei Vorhandensein belastender sekundärer Gefühle besteht darin, sie zu explorieren und die dahinter verborgenen primären Gefühle aufzuspüren. Sind die somit aufgespürten primären Gefühle adaptiv, können die darin enthaltenen Informationen zur Problemlösung verwendet werden. Primär maladaptive Gefühle werden spürbar gemacht und in adaptive primäre Gefühle transformiert, deren Informationen wiederum zielführend eingebracht werden können.

Die von mir beim Autofahren empfundene Wut ist zweifelsohne maladaptiv, führt sie doch zu unangemessenem Verhalten. Sie ist destruktiv und vorwurfsvoll. Da es mir nach der Entladung nicht besser geht, scheint sie ebenfalls keine meiner Bedürfnisse zu erfüllen. Welches Bedürfnis habe ich denn in diesen speziellen Situationen? Ich muss nicht lange überlegen: ich habe ein großes Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit für meine Familie und mich selbst. Wird das Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit nicht erfüllt, entsteht im Allgemeinen Angst. Da ich diese Angst nicht spüre, scheint die Wut beim Autofahren ein sekundäres maladaptives Gefühl zu sein. Sie distanziert mich von meiner Angst und hat somit eine Schutzfunktion.

Das war mir bisher nicht bewusst. Ich tauche tiefer in meine Gefühlswelt ein, während wir gerade in unseren ersten Stau hineinfahren. Es dauert eine ganze Weile, bevor die Angst hinter der Wut zaghaft hervorscheint. Die Angst, meiner Verantwortung als Fahrer nicht gerecht zu werden. Einen Unfall zu verursachen, bei dem Mitglieder meiner Familie verletzt oder sogar getötet werden. Dieses Gefühl ist schwer auszuhalten, aber gerade halte ich es aus. Und nun kann ich damit arbeiten, kann die wertvollen Botschaften für die Erfüllung meines Sicherheitsbedürfnisses aus der Angst extrahieren. Ich kann eine ganze Menge zu unser aller Sicherheit und Schutz beisteuern. Zum Beispiel großen Abstand zu den Fahrern vor mir halten, besonnen und vorrausschauend fahren und dabei potentielle Gefahren erkennen und ihnen ausweichen. Pausen machen, um mich danach wieder besser konzentrieren zu können. Mich entspannt und ausgeruht ans Steuer setzen, bevor die Reise los geht. Ja, das fühlt sich schon viel besser an.

In der Zwischenzeit haben alle ihre Kopfhörer wieder abgenommen. Sie sind leicht irritiert über die friedliche Stimmung. Ich lächle meinen Mitfahrern zu und schlage ihnen vor, bei der nächsten Raststation eine Pause einzulegen.