Schwelbrand der Seele
/Es ist recht früh am Morgen, als ich in die kleine Einbahnstraße im Glockenbachviertel einbiege. Die Straße ist eng, rechts und links der Fahrbahn parken Autos dicht an dicht. Fast am Ende der kleinen Straße versperrt ein Lieferwagen die weitere Durchfahrt.
‚Das geht sicherlich schnell!‘ beruhige ich mich. Vermutlich ein Paketlieferant. ‚Der Friseurtermin ist erst in einer knappen Stunde, und den Einkauf im Supermarkt vorher schaffe ich auch noch‘. Ich stelle den Motor meines Wagens aus und warte. Kurz darauf verlässt der Fahrer des Lieferwagens einen kleinen Laden. ‚Noch dreißig Minuten!‘, schreit er mir zu.
Ich mache ihm klar, dass ich das für inakzeptabel halte. Unser Geschrei ruft die Ladenbesitzerin auf den Plan. Es gehe nicht anders, lautet ihr einziger Kommentar. Sie verschwindet wieder in ihrem Geschäft. Meine Halsschlagader pocht. Ich ringe um Fassung. Währenddessen lädt der Lieferant stoisch weiter seine Kisten aus.
In Gedanken rufe ich die Polizei und lasse die Straße räumen. Schließlich handelt es sich um einen Verstoß gegen die Straßenverkehrsverordnung. Aus der Vogelperspektive betrachtet möchte ich jedoch nicht der Antiheld dieses Dramas sein. Ich lasse mich vom Stoizismus des Lieferanten inspirieren und lese Zeit Online auf meinem Handy. Den Einkauf im Supermarkt kann ich vergessen, den Friseurtermin werde ich noch schaffen.
‚Na, haste keinen Rückwärtsgang?‘ Die Stimme kommt von oberhalb meines Wagens. Dort schaut ein Mann mittleren Alters mit süffisantem Blick, die Arme auf ein Kissen gestützt, aus dem Fenster. Dieser Zaungast hat mir gerade noch gefehlt. ‚Und Du? Hast Du keine Arbeit und kein eigenes Leben?‘ ätze ich. Klar hat mein Wagen einen Rückwärtsgang, das ist nicht das Problem. Vielmehr die Tatsache, dass die breite dicke Karre beim Versuch, 300 Meter rückwärts zu fahren, vermutlich den einen oder anderen am Straßenrand geparkten Wagen mit sich risse. Der Zaungast entfernt sich aus seinem Fenster, und irgendwann kann ich dann endlich weiter fahren.
Mein Friseur lobt mich später für meine Schlagfertigkeit, mit der ich den Herrn im Fenster zum Schweigen gebracht habe. Doch irgendetwas dämpft mein Triumphgefühl. Viele Stunden danach schwelt meine Wut immer noch auf einer gefühlten Sieben von Zehn.
Schwelbrand ist die Bezeichnung für eine unvollständige Verbrennung bei niedriger Temperatur und ungenügender Sauerstoffzufuhr. Als Folge entstehen giftige Gase und Dämpfe. Genau so fühlt sich die Wut an, die mein inneres Erleben bestimmt :schwelend und giftig. Ich habe den Mann im Fenster mit seinen eigenen Waffen geschlagen, doch empfinde ich keinerlei Genugtuung. Sein Verhalten hat etwas Aggressives und gleichzeitig Unterdrücktes, Unterschwelliges, gehabt.
Passiv-aggressive Menschen bringen ihren Missmut indirekt zum Ausdruck. Sie sind nicht in der Lage, Emotionen wie Ärger oder Frust zu vermitteln und lösungsorientiert damit umzugehen. Alles wird auf Umwegen gesagt, um dem Gegenüber ein schlechtes Gewissen einzureden. Der Mann im Fenster hat mich seine Wut nicht direkt spüren lassen. Ich würde niemals von ihm direkt die Ursache dafür erfahren. Vielleicht habe ich lediglich als Projektionsfläche für seinen seelischen Schwelbrand gedient. Und die Ladenbesitzerin sowie ihr Lieferant sind einer direkten Konfrontation durch Ignorieren meiner Person und der damit verbundenen Problematik aus dem Weg gegangen. Ein höchst aggressives Verhalten, das auf leisen Sohlen daher kommt.
Passiv-aggressives Verhalten schädigt nicht nur den davon Betroffenen, sondern ebenfalls sein Umfeld. Und dieser Schwelbrand züngelt und breitet sich großflächig in den ihn umgebenden Systemen aus.
Dabei ist das Verhalten den Betroffenen selbst oft nicht bewusst. Im Grunde genommen handelt es sich mehr um einen Bewältigungsmechanismus als um eine perfide vorsätzliche Strategie zur Schwächung und Diskreditierung des Gegenübers.
Betrachten wir eine Lebensgemeinschaft, in der einer der Partner passiv-aggressive Züge hat. Was kann der andere tun, wie geht er am besten mit der Thematik um? Die Betrachtung der Ursachen für passive Aggressivität ist ein guter Startpunkt, der das Mitgefühl mit dem anderen fördert. Auslöser ist oft ein geringes Selbstwertgefühl, wodurch Betroffene sich in einer direkten Argumentation unterlegen fühlen. Und beim Selbstwert sollte der Partner ansetzen. Helfen Sie dem anderen dabei, sich seiner selbst sicherer zu fühlen. Seien Sie wertschätzend und schaffen Sie eine Atmosphäre des Vertrauens. Spüren Sie nach, was sich hinter der Fassade verbirgt. Lassen Sie sich nicht mit einem ‚Nein, es ist nichts!‘, einem ‚das verstehst du nicht.‘ oder einem ,ist ja auch egal‘ abspeisen. Geben Sie dem anderen die Zeit und Gelegenheit sich zu trauen, das wirklich Empfundene zu äußern. Es handelt sich dabei um einen längerfristigen Prozess. Kleine Mäuseschritte sind das Tempo. Je passiver und vermeidender der andere sich verhält, desto offener und direkter sollte Ihr Umgang damit sein. Das ist für Angehörige von passiv-aggressiven Menschen nicht leicht. Und manchmal, wenn der andere sich über längere Zeit überhaupt nicht bewegt, hilft nur noch ein Ultimatum.
Im Arbeitsumfeld kann ein passiv aggressiver Kollege die gesamte Teamatmosphäre vergiften. Lassen Sie das nicht zu. Setzen Sie als Kollege oder Vorgesetzter der Person auf freundliche und sachliche, aber auch bestimmte Art Grenzen. Fordern Sie die Person dazu auf, Kritik offen und direkt zu äußern. Schaffen Sie ein Umfeld des Vertrauens, in dem der oder die Betroffene sich seine wahren Beweggründe und Kritikpunkte zu äußern traut.
Werfen Sie Holzscheite in die Glut, damit das Feuer wieder lichterloh brennt und die Gemüter erwärmt.