Nicht Fisch, nicht Fleisch
/Mit Ambiguität tun wir Menschen uns oft schwer. Bedeutet es doch, mehrdeutigen Situationen und widersprüchlichen Handlungsweisen ausgesetzt zu sein und damit umgehen zu müssen. Ambiguität ist beheimatet in sozialen Systemen, somit der Gesamtheit aller Gruppen und Personen, die einen Einfluss auf das Verhalten anderer Personen ausüben. Sie lässt sich schwer durchschauen, erscheint unkontrollierbar und versursacht in uns das Bedürfnis nach Klarheit, Ordnung und Struktur, insbesondere aber nach Sicherheit. Da die uns umgebenden Systeme diese Bedürfnisse nicht per se erfüllen, entstehen in uns Gefühle von Angst, Unsicherheit, Stress und Hilflosigkeit.
Was können wir also tun, wenn wir solch unangenehmen Gefühlen ausgesetzt sind? Und wenn wir keinen bis nur einen sehr geringen Einfluss auf die Systeme haben, in denen wir uns bewegen und die Widersprüchlichkeit verursachen? Einfache Antworten sind eine Möglichkeit, Ambiguität nicht aufkommen zu lassen. Radikalität ist somit ein gutes Mittel gegen Ambiguität. Und im Gegenzug ist Ambiguität eine wesentliche Triebkraft für radikale Einstellungen. Es muss entweder schwarz oder weiß sein – Graubereiche und die damit verbundene Unklarheit erzeugen Unbehagen. Somit muss ein Großteil dessen, was da ist, ausgeblendet werden. Der Rest wird in jeweils eine der zwei verbleibenden Schubladen sortiert. Willkommen in der Welt der Populisten.
Allerdings kann man es sich nicht wirklich aussuchen, Ambiguität abzuwehren. Es ist ein unbewusster Prozess. Der Weg zurück vom Bewussten zum Unbewussten existiert nicht. Für den Rest von uns, die Nicht-Populisten, gibt es nur zwei Möglichkeiten: vermeiden oder tolerieren. Wir können uns der Ambiguität entziehen, indem wir soziale Systeme meiden. Wenn wir uns vollständig von anderen Menschen entkoppeln, kann uns das unter Umständen gelingen. Partnerschaft, Familie Freundschaft, Beruf, Kegelverein, Rotary-Club – darauf müssen wir verzichten. Die Konsequenz ist, ein vollständig autarkes und autonomes Leben ohne zwischenmenschliche Kontakte zu führen. Subsistenzwirtschaft auf einer Alm wäre eine Möglichkeit. Der ‚Almöhi‘, Großvater der bekannten Romanfigur Heidi, hat es vorgelebt. Doch ist das erstrebenswert? Der Mensch ist ein soziales Wesen, der Preis für das Vermeiden von Ambiguität erscheint sehr hoch.
Kommen wir zur zweiten Alternative, der Toleranz von Ambiguität. Vor mehr als 70 Jahren entdeckte die US-amerikanische Psychologin Else Frenkel-Brunswick dieses Persönlichkeitsmerkmal. Ambiguitätstoleranz benennt die Fähigkeit, mehrdeutige Situationen und widersprüchliche Handlungsweisen zu ertragen. Ambiguitätstolerante Menschen sind in der Lage, Widersprüchlichkeiten, kulturell bedingte Unterschiede oder mehrdeutige Informationen wahrzunehmen, ohne darauf aggressiv zu reagieren oder diese einseitig negativ oder vorbehaltlos positiv zu bewerten. Sie benötigen keine schwarze und weiße Schublade, um Lebensrealitäten einzusortieren. Folgende Fallvignette verdeutlicht den Weg zur Toleranz von Ambiguität.
Angenommen, Sie sind Führungskraft in einer bestimmten Unternehmenseinheit eines Großkonzerns. Eine Kostensenkungsinitiative tritt in Kraft, bei der alle Führungskräfte in ihrem Verantwortungsbereich X gegenüber dem Vorjahr einsparen sollen. Auch wenn es für Sie nicht einfach wird, stehen Sie hinter dieser Initiative. Sie positionieren sich gegenüber Ihren Mitarbeitern und Vorgesetzten dementsprechend. Zudem handeln Sie auch im Rahmen Ihrer grundsätzlichen Haltung zu dem Thema. Ihr Denken, Reden und Ihr Verhalten stimmen überein, Sie sind eine integre Persönlichkeit.
Um das Kostenziel zu erreichen, verhandeln Sie noch härter mit Ihren externen Lieferanten. Ihre externen Top Player wenden sich daraufhin anderen Kunden zu, die bei ihren üblichen Konditionen geblieben sind. Sie setzen nur noch Projektvorhaben um, die bei Nichtdurchführung größeren operativen Schaden erzeugen. Dies mit einer deutlich weniger kompetenten externen Projektunterstützung und einem deutlich geringeren Budget. Dadurch ziehen Sie sich den Zorn der Fachbereiche zu, deren Projektvorhaben ersatzlos gestrichen wurden oder deren Projektvorhaben nicht in der gewünschten Ergebnisqualität umgesetzt werden konnten. Ihr internes Team ist zunehmend frustriert, da es die Unzufriedenheit der internen Kunden ausbadet und den eigenen Ansprüchen an die Ergebnisqualität nicht mehr gerecht werden darf. Zwar haben Sie Ihr Kostenziel erreicht, sie haben es sich aber mit Ihren Stakeholdern und Mitarbeitern verscherzt. Die ersten reichen die Kündigung ein.
Das ist mein Job, anderen Führungskräften ergeht es ja nicht anders, denken Sie sich zur Beruhigung. Dann erfahren Sie, dass in einer anderen Konzerneinheit seit acht Jahren ein Großprojekt durchgeführt wird, das enorme Kosten verursacht. Ein Millionengrab, wird hinter vorgehaltener Hand getuschelt. Das Projekt ist längst gescheitert, nur wagt es niemand, dies offen auszusprechen. Wer will schon der Überbringer der schlechten Nachricht sein und sich den Zorn der Stakeholder zuziehen?
Die Ambiguität wird Ihnen bewusst, und Sie empfinden so gut wie keine Toleranz demgegenüber. Sie selbst spitzen jeden Bleistift bis zum Stummel runter, und an anderer Stelle werden die Millionen aus dem Fenster geschmissen. Was können Sie tun? Kündigen und sich einen neuen Job suchen? Das löst im konkreten Fall nicht das Problem, Ambiguität existiert in allen Systemen. Also was dann? Die Ambiguität gegenüber den Vorgesetzten transparent machen? Die wissen das schon längst und haben gelernt, sich damit zu arrangieren. Der Radius ihrer Wahrnehmung beschränkt sich auf den eigenen Verantwortungsbereich. Also bleibt Ihnen nur noch eines übrig: es ihnen gleich zu tun.
Und das ist gar nicht so einfach. Sie fragen sich zurecht, warum Sie es sich selbst so schwer machen, um Ihrem Anspruch zu genügen. Richtig, es ist Ihr eigener Anspruch. Professionalität und Integrität gehören zu Ihren Grundwerten. Sie erfüllen sich durch Ihr Handeln Ihre eigenen Bedürfnisse. Und das fühlt sich gut an. Sie fühlen sich sicher, sind stolz auf sich und empfinden Zufriedenheit. Sie sind nicht der Typ für Millionengräber, würden mit dieser Thematik professioneller umgehen. Daher bringt es Ihnen nichts, es den Millionengräbern in der anderen Konzerneinheit gleich zu tun. Und auf der anderen Seite können Sie es nicht erzwingen, dass andere Menschen dieselben Wertvorstellungen haben wie Sie. Bleiben Sie sich treu und machen Ihren Job so, wie es zu Ihnen passt und wie Sie sich am wohlsten fühlen.
Hollywood hätte für das konkrete Beispiel ein Happy End in petto. Der Protagonist hielte gegenüber den Konzernbossen ein glühendes Plädoyer für ausgleichende Gerechtigkeit. Daraufhin würde er befördert und die Millionengräber abgestraft. Integrität als Allheilmittel gegen Ambiguität würde von da an im Unternehmen groß geschrieben. Das aktive Senken der Ambiguitätsquote auf einen zuvor festgelegten Wert spiegelte sich in den Unternehmenszielen wider. Schade eigentlich, dass Hollywood oft nur das zeigt, was wir gern hätten und nicht das, was wirklich ist.