Das Opferlamm

Ein sonniger warmer Tag im Frühsommer auf einem großen Abenteuerspielplatz. Vergnügtes Kindergeschrei im Bereich der Klettergerüste, Gruppen von Menschen auf Picknickdecken am Rande des Spielbereichs. Auf einer der Decken sitzen zwei Frauen unterschiedlichen Alters, vermutlich Mutter und Großmutter eines der wild tobenden Kinder. Die ältere der zwei Frauen hat ihre Beine ausgestreckt, die jüngere kniet auf der Decke und schneidet einen Kuchen in Stücke. In diesem Moment löst sich ein kleines Mädchen aus der Gruppe der spielenden Kinder und rennt auf ihre Familienangehörigen zu. ‚Ich will Kuchen!‘ schreit sie so laut, dass sich einige andere Besucher des Spielplatzes reflexhaft zu ihr umdrehen. Da der Blick des Mädchens auf den Kuchen gerichtet ist, übersieht sie die ausgestreckten Beine ihrer Großmutter auf der Decke. Sie stolpert in hohem Bogen über deren Beine und landet auf ihrer Vorderseite. Kurze Schockstarre, dann wildes Geschrei. Mutter und Großmutter trösten das kleine Mädchen. ‚Das ist Deine Schuld, Oma!‘ schreit das Kind zwischen zwei Schluchzern. ‚Deine Beine waren im Weg!‘

Ein paar Erwachsene in der unmittelbaren Nähe schmunzeln, werfen der Kleinen belustige Blicke zu. Voller Sympathie. Die Reaktion des Kindes ist aus ihrer Sicht normal. Das Mädchen ist noch zu jung, um eine andere Perspektive des Geschehens einzunehmen als die auf sich selbst bezogene.

Wie wäre es, wenn ein Erwachsener über die Beine der Dame auf der blauen Decke gestolpert wäre und ihr dies vorgeworfen hätte? Hätten die Menschen im unmittelbaren Umfeld ähnlich wohlwollend reagiert? Vermutlich nicht. Von älteren, reiferen Menschen erwartet die Gesellschaft ein differenziertes, selbstverantwortliches Verhalten, das verschiedene Betrachtungswinkel einbezieht. Vielleicht im konkreten Fall sogar eine Entschuldigung bei der älteren Dame für die Unachtsamkeit, über deren Beine gestolpert zu sein.

Und werden wir älteren, reiferen Menschen dieser Erwartungshaltung stets gerecht? Mitnichten. Wir alle verfügen über Seelenanteile, die uns zuweilen wie kleine Kinder agieren lassen. In manchen von uns tobt ein trotziges Kind. Wir schmollen in Konferenzen und wenden uns beleidigt ab, weil Kollegen oder Vorgesetzte unsere Beiträge aus unserer Sicht nicht ausreichend würdigen. Unsere Stimme nimmt dann den Klang eines Dreijährigen an, dem sein drittes Eis am Tag versagt wird.

Wird der Erwachsene in uns von einem hilflosen kleinen Kind dominiert, regredieren wir in für uns emotional belastenden Situationen wiederum auf andere Weise. Wir machen den Partner, den Vorgesetzten oder die Eltern verantwortlich für unser Schicksal.

So verharren wir beispielsweise in einem Job, der uns belastet und hoffen, Vorgesetzte und Kollegen mögen sich in unserem Sinne verändern. Was sie natürlich nicht tun. Denn unsere Haltung ist den anderen und manchmal sogar uns selbst nicht bewusst. Und selbst wenn sie es wäre, warum sollten die anderen sich uns zuliebe verändern, wenn sie mit sich im Reinen sind?

Befindet sich unser kleines inneres Kind in der Opferrolle, beklagen wir unsere Lebensumstände. Wir haben es am schwersten, werden zwischen Job, Haushalt und Kindererziehung aufgerieben. Aber wer hat uns denn dazu genötigt, zwei Kinder zu bekommen, in ein schickes Reihenhaus am Rande der Großstadt zu ziehen und dafür einen Kredit aufzunehmen? In Vollzeit arbeiten zu müssen, um den Kredit zu tilgen und die Privatschule der Kinder zu bezahlen? Richtig, unsere Eltern tragen die Schuld. Schließlich haben sie uns unsere Gene vererbt und nach unserer Geburt mindestens zwanzig Jahre unseres Lebens erzieherisch auf uns eingewirkt. Hätten wir andere Eltern gehabt wären wir vielleicht Hippies geworden, würden in vollkommener Freiheit, von der Hand in den Mund, leben. Heute Bali, morgen Goa, übermorgen Kamtschatka. Keine Termine, keine Verpflichtungen, keine Verantwortung.

Tun wir hingegen etwas, weil wir uns bewusst dafür entschieden haben, werden wir automatisch in die Selbstverantwortung gehoben. Wir müssen unser Leben mit all seinen Facetten nicht mehr passiv ertragen, fühlen uns nicht mehr den Umständen ausgeliefert. Vielmehr werden wir zu aktiven Gestaltern unseres Schicksals, schmieden unser eigenes Glück. Auf diese Weise erreichen wir eine andere, eine innere Freiheit. Selbst wenn sich im Außen nichts ändert, haben wir uns bewusst entschieden: für die zwei Kinder und ihre gute Schulausbildung, das Reihenhaus samt Kredit und für gefühlte Sicherheit und Verlässlichkeit. Wir haben das alles selbst so gewählt, hätten auch einen anderen Lebensweg einschlagen können. Durch die grundlegende Änderung unserer Haltung empfinden wir mehr Freude an dem, was wir haben. Unsere selbstverantwortliche Grundhaltung wird uns vielleicht auch dazu bringen, etwas im Außen zu ändern. Wir haben verstanden, dass wir unseren Arbeitgeber nicht verändern können, nur weil wir das gern so hätten. Und wenn wir uns damit nicht arrangieren können, werden wir uns eine neue berufliche Herausforderung suchen. Ein Umfeld, in dem wir uns besser aufgehoben fühlen.

Das kleine Opferlamm in unserem Innern kann sich beruhigen und zurück ziehen, es quält uns fortan nicht mehr mit seinem Gejammere.