Benjamin Blümchen im Stuhlkreis

Wie oft habe ich schon in Meetings, Runden, Terminen und Stuhlkreisen gesessen und bin fast erstickt. Nicht etwa deshalb, weil der gesamte Raum mehr oder weniger stark mit menschlichen Teilnehmern gefüllt war. Sondern weil dort ebenfalls unsichtbare, riesige Elefanten mitten im Raum hockten und protestierend tröteten.

Einmal war es ein Stuhlkreis mit 16 Teilnehmern einer Fortbildung, der innerhalb von zwei Jahren in regelmäßigen Abständen stattfand. Ein Teilnehmer redete und redete und redete. Von Mal zu Mal wurde die Mimik der anderen Teilnehmer deutlich bewegter. Genervtes Augenrollen, zusammengekniffene Lippen, hasserfüllte Blickwechsel unter Leidensgenossen, die alle dasselbe wollten: dass diese Person endlich den Mund hielt. Und wenn sie es nicht von selbst schaffte, dass zumindest der Seminarleiter sie zur Räson brachte und ihren gefühlt 80%igen Anteil an der gesamten Gesprächszeit auf das ihr zustehende Sechzehntel drückte. Dies geschah leider nicht. Ich sah einen kleinen grauen Babyelefanten mitten im Raum stehen, der mit der Zeit zu einem ausgewachsenen Elefanten wurde und uns die Luft zum Atmen nahm. Irgendwann war die Fortbildung dann zu Ende und wir alle erleichtert.

Manchmal bringt auch jeder Teilnehmer einer Gesprächsrunde oder eines Termins seinen Elefanten mit und platziert ihn liebevoll neben sich. Der eine Elefant heißt Angst und Sorge, ein anderer Empörung und ein dritter vielleicht Enttäuschung. Im Ergebnis verdichten sich diese Elefanten zu einer lähmenden Schwere im Raum. Dann ist es hilfreich, am Ende einer solchen Runde die Fenster zu öffnen und die Elefanten hinaus zu bitten. Sobald sich diese in Bewegung gesetzt haben und einer nach dem anderen aus dem Fenster gepurzelt ist, kehrt die Leichtigkeit in den Raum zurück.

Das soeben beschriebene Phänomen hat einen Namen, nämlich ‚der Elefant im Raum‘. Und es hat etwas mit Konflikten zu tun. Was sind Konflikte? Meistens bringen wir das Wort in Verbindung mit verbalen Auseinandersetzungen, lauten und wütenden Stimmen, Türenknallen. Allerdings sind die meisten Konflikte kaum sichtbar. Oft werden sie nicht explizit von denjenigen benannt, die sie erleben. Sie beeinflussen aber die Dynamik einer Gruppe. Manchmal sieht die gesamte Gruppe den Elefanten und manchmal nur wenige oder ein Teilnehmer. Wenn wir diese Elefanten nicht sehen und sie nicht benennen, hat das Folgen für die Gruppe und ihre Leistung. Es limitiert die Chancen des Teams bzw. der Gruppe zu wachsen und aus den verborgenen Konflikten zu lernen. Und wertvolle Energie fließt in den Konflikt ab und nicht in eine produktive Form der Zusammenarbeit hinein.

Was für Arten von Elefanten gibt es? Wie sehen sie aus, welche Farbe haben sie? Ein Beispiel ist bereits weiter oben beschrieben worden. Eine Person der Gruppe beansprucht einen Großteil der Sprechzeit, und andere kommen nicht zu Wort. Sie reagieren darauf, indem sie beleidigt sind, sich zurückziehen und nichts mehr von sich preisgeben. Oder Sabotageakte, bei denen eine Person oder Subgruppe aktiv oder passiv andere daran hindert, ihr Ziel zu erreichen. Indem sie zu Terminen einfach nicht erscheint oder Hinderungsgründe wie Mühlsteine in den Weg rollt. Oder eine Person oder Gruppe sagt zwar Ja zu einer Entscheidung, lebt die damit verbundene Verantwortung aber nicht oder hängt sich als Trittbrettfahrer an den Erfolg anderer. Ein weiterer versteckter Konflikt ist der, bei dem eine Gruppe glaubt, sie trage mehr zum Gesamterfolg bei als die anderen Gruppen. Solche verzehrten Wahrnehmungen entstehen dadurch, dass das Gesamtsystem, aus dem die Subgruppen bestehen, sich nicht selbst sehen und kritisch hinterfragen kann. Die Liste der Konflikte ließe sich um viele weitere Archetypen ergänzen.  

Eines ist klar. Solange Menschen aufeinander treffen, die ihre Interessen verfolgen, wird es auch Konflikte geben. Es ist sinnvoll, dies zu akzeptieren, eine neue Haltung dazu einzunehmen. Der besonnene Umgang mit Konflikten kann erlernt werden. Und dann sind sie eine bedeutende Ressource, an der wir wachsen können.

Wenn wir die Elefanten im Raum nicht sehen wollen, sind sie trotzdem noch da. Sie verschwinden nicht einfach. Viel besser ist es, die Elefanten sichtbar zu machen. Sie mit Wasserfarben bunt anzumalen. Dann können sie von allen gesehen werden, was wiederum einen offenen Austausch darüber ermöglicht. Derjenige oder diejenige, der oder die zuerst den Pinsel in die Hand nimmt und die Elefanten bemalt, braucht viel Courage. Seine Gedanken und Gefühle gegenüber den anderen Teilnehmern einer Gruppe offen auszudrücken ist nicht einfach. Wenn es gut läuft, werden dann weitere Teilnehmer einen Pinsel in die Hand nehmen und mitgestalten. Am Ende kann jeder alle Elefanten sehen und seine Sicht darüber den anderen mitteilen. Im besten Fall beginnt die Energie der Gruppe dann in den Gruppenerfolg zu fließen. Die Elefanten verschwinden einer nach dem anderen, sie verpuffen in der Luft.